Kürzlich hat die AGES mit Medizintransparent eine Evidenzsynthese zu Vitamin D online publiziert (Vitamin D zur Prävention bei gesunden
Erwachsenen)
Evidenzsynthese 2025
Aus meiner Sicht fehlen wichtige Themen, gleichzeitig wird die Toxizität von Vitamin D überproportional dargestellt.
Zusammenfassung
Ziel und Adressaten der Evidenzsynthese sind unklar, die weiterhin mangelhafte Basisversorgung der österreichischen Bevölkerung wird nur ansatzweise am Ende gestreift. Diese zielt u.a. auf eine Prävention der schweren Vitamin D Mangel Erkrankung Rachitis ab, die grundsätzlich verhinderbar wäre, aber weiterhin auftritt.
Weil große, definitive Studien zu harten Endpunkten wie Krebsmortalität bei einer nicht patentierbaren, kostengünstigen Substanz praktisch nicht durchführbar sind, entsteht zwangsläufig eine Evidenzlücke. Wenn man daraus schließt, dass kein Nutzen besteht, wird die Strenge der Evidenzhierarchie selbst zum Hindernis, da sie genau jene Studien verlangt, die strukturell nie durchgeführt werden können.
Grosse Gruppen der vermeintlich gesunden Bevölkerung (geschätzt um 50%!) werden aus nicht erklärlichen Gründen ausgeklammert. Die Synthese lässt aktuelle Krebs- und Prädiabetesdaten, BMI-Interaktionen und aktuelle Prävalenzzahlen unberücksichtigt, überschätzt Risiken anhand von Einzelfallberichten ohne aktuelle österreichische Daten der Vergiftungszentrale anzuführen und adressiert die epidemiologische Versorgungslage in Österreich und Deutschland unzureichend.
Gerade Prädiabetes wird nur erkannt, wenn danach gesucht wird, diese Menschen würden sonst als Gesunde gelten, haben aber bereits eine frühe Form eine potentiell reversible Glukosestoffwechselstörung. Neue österreichische Daten zeigen eine hohe Prävalenz von > 20% in der Gesundenuntersuchung, aktuell existieren aber keine Strategien zur weiteren Schulung oder Behandlung dieser Menschen.
Hochwertige RCTs und Metaanalysen der letzten Jahre zeigen konsistente Vorteile für relevante klinische Endpunkte bei bestimmten Risikogruppen. Eine realitätsnahe Bewertung erfordert die Integration dieser Evidenz sowie sinnvolle und aktuell fehlende klare regulatorische Maßnahmen zum Schutz vor qualitativ mangelhaften Nahrungsergänzungsmitteln.
1. Einleitung
Der wissenschaftliche Anspruch ist hoch, jedoch weist die Synthese gravierende Lücken und Selection Bias in der Evidenzauswahl, der Risikodarstellung und der Public-Health-Perspektive auf. Insbesondere rezente Daten zu Risikogruppen, Krebsendpunkten und BMI-Interaktionen bleiben unberücksichtigt. Vitamin-D-Mangel betrifft große Teile der Bevölkerung, besonders Risikogruppen wie ältere Menschen, Schwangere, Kinder und Personen mit Migrationshintergrund, Prädiabetes oder Adipositas. Eine zeitgemäße Synthese muss daher sowohl populationsrelevante Fragestellungen berücksichtigen als auch moderne Studieergebnisse korrekt einordnen und sich besonders in Bezug auf grosse Risikogruppen äussern.
2. Epidemiologische Ausgangslage
Die epidemiologischen Daten in Mitteleuropa zeigen eine weit verbreitete Unterversorgung: Laut DEGS1 erreichen nur 38 % der Erwachsenen in Deutschland ausreichende Vitamin-D-Spiegel, während 30 % einen schweren Mangel aufweisen. Für Österreich liegen keine rezenten grossen Beobachtungsstudien vor, aber die tägliche Zufuhr liegt häufig bei nur 2–3 µg (80-120 IU), was nur 10–15 % der empfohlenen Menge entspricht.
3. Pathophysiologische Grundlagen
Höflich sei angemerkt, dass in der Synthese grundlegende pathophysiologische Zusammenhänge nicht dargestellt werden: Ein Prädiabetes geht jedem manifesten Typ-2-Diabetes voraus, dieser wäre erkennbar und behandelbar, wird aber nicht standardmässig gesucht. In der 2025 AUSTRO-PROFIT-Analyse zu den Vorsorge-Gesundenuntersuchungen in Österreich fanden sich erschreckend hohe Raten von Prädiabetes und unerkanntem Diabetes (21 und 3%, Sourij 2025).
Krebssterblichkeit setzt voraus, dass eine Person überhaupt an Krebs erkrankt ist. Diese frühen Krankheitsstadien sind entscheidende Zielpunkte präventiver Strategien und daher relevant für die Interpretation moderner Vitamin-D-Studien.
4. Prädiabetes und moderne Evidenz (Pittas 2023 IPD-Metaanalyse)
Die IPD-Metaanalyse von Pittas et al. (2023) umfasst drei große internationale RCTs zu Prädiabetes (D2d, Tromsø, DPVD). Sie zeigt einen etwa 15-prozentigen Rückgang der Progression zu Typ-2-Diabetes, mit besonders starken Effekten bei geringen Ausgangsspiegeln und erreichten Zielspiegeln von > 40ng/ml. Da in Österreich ein grosser Teil der vermeintlich gesunden Erwachsenen die Kriterien für einen Prädiabetes erfüllt, wäre die korrekte Darstellung dieser Evidenz essenziell für jede Synthese mit Public-Health-Anspruch.
5. Diabetesinzidenz in VITAL (Tobias 2025)
Tobias et al. berichten in der VITAL-Studie eine 9-prozentige Risikoreduktion für Diabetes. Diese Zahl ist wahrscheinlich deutlich unterbewertet, da in VITAL ausschließlich self-reported Diagnosen erhoben wurden, welche reale Inzidenzen typischerweise stark unterschätzen.
6. Rekrutierungszeitraum der VITAL-Studie und heutige Prävalenzen
Die Rekrutierung für VITAL erfolgte 2011–2014. Seither sind Adipositas, Prädiabetes und Typ-2-Diabetes weltweit und auch in Österreich signifikant angestiegen. Damit ist die heutige Bevölkerung metabolisch stärker belastet als die damaligen Studienteilnehmer*innen, was die Relevanz metabolischer und inflammatorischer Mechanismen sowie möglicher Supplementationsvorteile noch erhöht.
7. Krebsendpunkte
Chandler et al. zeigten in der VITAL-Kohorte eine 17-prozentige Reduktion metastasierter oder tödlicher Krebserkrankungen, 25 % nach Ausschluss der ersten zwei Jahre. Besonders profitieren normalgewichtige Personen (HR 0.62). Auch die Analyse des Deutschen Krebsforschungszentrums (Kuznia 2023) bestätigt signifikante Vorteile für eine Vitamin D Supplementierung bei täglicher Einnahme. Diese Ergebnisse sind für die Bevölkerung eindeutig hochrelevant. Die Arbeit wird sogar erwähnt, aber lt. Angabe aufgrund des Titels nichn in der Synthese berücksichtigt.
8. BMI-Interaktion und steigende Adipositas
Vitamin D wird im Fettgewebe sequestriert; adipöse Personen erreichen trotz gleicher Einnahme geringere Serumspiegel. Die stärksten Effekte in VITAL und anderen Analysen zeigen sich bei Personen mit BMI < 30. Die Pittas Analyse zeigte einen grösseren Benefit bei höheren erreichten Spiegeln bis zu einem BMI von < 40.
9. Sicherheitsprofil und Bolusdosen
Große neue RCTs wie VITAL und D-HEALTH zeigen mit Vitamin D OHNE Kalzium kein erhöhtes Risiko für Nierensteine, Hyperkalzämie oder andere relevante Nebenwirkungen. Einzelfallberichte extremer Intoxikationen mit überhöhten Dosen von Nahrungsergänzungsmitteln sind methodisch ungeeignet, um Risikoabschätzungen abzuleiten. Wünschenswert wäre eine longitudinale Analyse der österreichischen Vergiftungszentrale, diese Daten müssten zugänglich sein. Reale Risiken entstehen fast ausschließlich durch unphysiologisch hohe Dosen oder einzelne Bolusgaben (≥100.000 IE), die paradoxe Effekte hervorrufen können. Diese seltenen Szenarien dürfen nicht auf typische Dosierungsformen sicherer Arzneimittel übertragen werden.
10. Regulatorische Maßnahmen
Die Synthese hätte statt Einzelfallberichten die reale Problemlage adressieren müssen: unzureichend regulierte Internetpräparate mit extremen Dosierungen, die Laien problemlos zugänglich sind und pa. Notwendig sind Bevorzugung von qualitativ hochwertigen Arzneimitteln, klare Obergrenzen, Qualitätskontrollen, verbindliche Reinheitsprüfungen und digitale Marktaufsicht.
11. Ethische Überlegungen
Weiters entsteht eine ethische Dimension der Unterlassung einer Empfehlung einer kostensicheren, kostengünstigen Intervention wie Vitamin D. Zwar zeigen sich plausible, wenn auch vorläufige Effekte bei schweren Endpunkten, doch gerade weil Vitamin D nicht patentierbar ist, sind große, definitive Studien (beispielsweise Krebsmortalität als primärer Endpunkt) nicht durchführbar. Wird eine mögliche Chance deshalb ignoriert, entsteht ein diskussionswürdiges ethisches Paradox. Ethik verlangt hier Transparenz: potenziellen Nutzen offen kommunizieren, Unsicherheiten benennen und Entscheidungen nicht ausschließlich an strengster Evidenzhierarchie ausrichten.
12. Schlussfolgerung
Die Synthese verfehlt wesentliche moderne Evidenz ignoriert zentrale Risikogruppen und stellt Risiken überproportional dar. Eine zeitgemäße Bewertung muss metabolische Risikokonstellationen, moderne Krebsdaten, Prädiabetes-Risiken, BMI-Interaktionen sowie die hohe Unterversorgung in der Bevölkerung integrieren. Ich möchte daher anregen, auf Grundlage der dargestellten Evidenz und Versorgungslage einen strukturierten Aktionsplan zu entwickeln, der sowohl wissenschaftlichen Standards als auch den realen Bedürfnissen der Bevölkerung entspricht, ohne grosse Gruppen, insbesondere Ältere Menschen, auszuschliessen. Ein solcher Aktionsplan sollte insbesondere folgende Punkte umfassen: Aktualisierung der Evidenzsynthese unter Einbeziehung moderner Daten – einschließlich Prädiabetes-IPD-Metaanalysen, Krebsendpunkten, BMI-Interaktionen und aktueller epidemiologischer Trends. Transparente Bewertung relevanter Risikogruppen, die in der bisherigen Synthese nicht abgebildet werden – insbesondere ältere Menschen, Personen mit Prädiabetes, Kinder/Jugendliche, Schwangere sowie Menschen mit Adipositas und Migrationshintergrund. Neuordnung der Risikokommunikation – anhand hochwertiger RCT-Daten, nicht spektakulärer anekdotischer Einzelfälle, mit klarer Unterscheidung zwischen physiologischer Verwendung von seriösen Arzneimitteln und unphysiologisch hohen Bolusgaben. Verbesserte Aufklärung und Basisversorgung – angesichts der bekannt hohen Unterversorgung in Österreich und Deutschland und der unzureichenden Zufuhr in der österreichischen Ernährung Regulatorische Maßnahmen zur Qualitätssicherung – verpflichtende Reinheitsprüfungen, Obergrenzen für Dosierungen, spezifische Überwachung des Onlinehandels und Kennzeichnungspflichten. Intersektorale Zusammenarbeit – zwischen Gesundheitsbehörden, Fachgesellschaften, Ernährungsmedizin, Endokrinologie und Public-Health-Experten. Eine solche strukturierte Vorgehensweise würde nicht nur die wissenschaftliche Aussagekraft zukünftiger Synthesen stärken, sondern auch eine klare gesundheitspolitische Orientierung bieten und letztlich zur Verbesserung der Bevölkerungsgesundheit beitragen.
Referenzen
1. Chandler PD et al. JAMA Oncol. 2020. 2. Pittas AG et al. Ann Intern Med. 2023. 3. Tobias et al. Nature Comm. 2025. 4. Kuznia S et al. Deutsches Krebsforschungszentrum. 2023. 5. RKI DEGS1 Report. 2015. 6. Österreichischer Ernährungsbericht. 2022. 7. Sourij C et al. Obes. Facts 2025